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Biographie


Kindheit & Jugend


Hadj Nemat wurde in das Milieu der Ahl-e Haqq hineingeboren, ein Milieu, in dem sowohl die persönliche Identität als auch die soziale Position durch den Grad an Ergebenheit gegenüber den Bräuchen und Ritualen des Ordens bestimmt wurden. Sein Geburtsort Dscheyhunabad ist ein abgelegenes Dorf, weit von der Zentralregion entfernt, im Dinevar Gebiet, das einen Teil der Provinz Kermanschah bildete. Zur Zeit der Regentschaft von Mohammed Schah Kadschar, zwischen 1834 und 1835, wanderten seine Vorfahren aus dem westlichen Teil Kurdistans aus und ließen sich in Dscheyhunabad nieder – daher der zweite Teil seines Namens, Dscheyhunabadi, was ‚aus dem Dorf Dscheyhunabad kommend’ bedeutet.

Seine Familie, die zu den kleineren Grundbesitzern gehörte, genoss in der Region hohes Ansehen und war für ihre vornehme Gesinnung, ihr Wissen, ihren Mut und ihre Ehrhaftigkeit bekannt. Es gibt Quellen, die bezeugen, dass die Familie die Geschicke des Dorfs und der Umgebung lenkte, dass sie Streitigkeiten zwischen lokalen und benachbarten Bauern regulierte und die Gemeinschaft vor Angriffen der Banditen schützte. Aus diesem Grund erhielt Hadj Nemat, wie sein Vater und sein Onkel vor ihm, eine Erziehung, die ihm erlaubte, in die staatliche Verwaltung einzutreten – eine Option, die für gewöhnliche Leute aus dieser Region undenkbar war.

Sein Vorname Nematollah (abgekürzt Nemat) bedeutet wörtlich ‚Gottes Gnade’. Er wurde ihm verliehen, da das Datum seiner Geburt mit dem Ende einer schweren Hungersnot zusammenfiel, die im Jahr 1870/71 zahlreiche Tote zur Folge hatte. Hadj Nemat war etwa sieben Jahre alt, da verlor er seinen Vater – und nur drei Jahre später seine Mutter. Wie es der Brauch war, nahm sein Onkel väterlicherseits ihn und seine Schwester in Obhut. Auch wenn sein Onkel alles tat, um sie wie seine eigenen Kinder aufzuziehen, wird Hadj Nemat später in seinen autobiografischen Erzählungen vom Schmerz berichten, ein Waisenkind zu sein und sich völlig alleingelassen zu fühlen.

Sieben war ich, als mich jäh ergriff
des Lebens ganze Bitternis

Zehn war ich, da die Mutter mich verließ
da der Schmerz der Himmel mich befiel

Zu meinem Onkel musste ich gehen
gefärbt die Tage von wortlosem Wehen

Größeres Elend kann für ein Kind nicht sein
Als der Tod der Eltern, welche Pein

Der kein Heim hat, kennt die bessere Wahl:
Waisenkind oder der Hölle Qual

Vielleicht erklärt diese Erfahrung die besondere Fürsorge und Aufmerksamkeit, die er während seines ganzen Lebens den Waisenkindern und all jenen, die ganz alleine auf der Welt waren, entgegenbrachte – ein Punkt, der auch in seinen Lehren einen wichtigen Platz einnimmt.

Bei seinem Onkel Mirza Gholam Ali setzte er sein Studium fort. Seine Integrität und seine Geschick, die täglichen Angelegenheiten zu erledigen, führte seinen Onkel schließlich dazu, Hadj Nemat die Verwaltung seiner Ländereien zu übertragen. Im Alter von 26 Jahren hatten sich seine Verdienste, seine Fähigkeiten und auch seine literarischen Qualitäten so weit entwickelt, dass sein Onkel, der ihn stets besonders gefördert hatte, ihn einigen Regierungsbeamten vorstellte, um ihm auf diese Weise eine Karriere im Staatsdienst zu ermöglichen. Für zwei Jahre war Hadj Nemat Assistent bei Vakil-al-Dowleh, dem Staatsanwalt in Dinevar. Aber dadurch, dass er streng darauf achtete, dass für die Angelegenheiten der Bauern ordnungsgemäß Sorge getragen wird, wurde er aus seiner Position entlassen. Im Anschluss daran erhielt er entsprechend seiner Verdienste die Möglichkeit, als Assistent von Azam-al-Dowleh, dem Gouverneur der Provinz Kermanschah, tätig zu sein. Während dieser Amtszeit wurde er gelegentlich als Vertreter des Gouverneurs auf verschiedene Missionen rund um Kermanschah geschickt.

Es war um das Jahr 1901, als Hadj Nemat eine tiefgreifende spirituelle Erfahrung durchlief, die ihn dazu brachte, all seine Staats- und Verwaltungstätigkeiten niederzulegen – sogar die Verantwortung für die Ländereien seines Onkels. Schlagartig gab er seinem Leben bewusst eine völlig neue Richtung: Er entsagte der materiellen Welt und wandte sich einer einfachen und asketischen Lebensform zu. Man kann sich vorstellen, dass seine beträchtlichen Mittel und Fähigkeiten als auch seine große Bandbreite an inneren Qualitäten ihn zum Erfolg bestimmten, so dass er gut den Posten eines Gouverneurs oder Ministers hätte erreichen können, wäre er im Regierungsdienst oder der Landverwaltung verblieben. Seine mystische Erleuchtung war indes so machtvoll, dass er all dem entsagte, um sich voll und ganz seiner spirituellen Mission widmen zu können.


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